Wissenschaftliche Weiterbildung wird gegenwärtig mit zwei grossen Herausforderungen konfrontiert: Sie soll marktmässig organisiert werden und gleichzeitig den Anschluss an den Bologna-Prozess sicherstellen. Zum einen verbreitet sich in Politik und Wirtschaft sowie bei den Hochschulleitungen die Vorstellung, wissenschaftliche Weiterbildung ließe sich am besten, am effizientesten und am effektivsten über den Markt organisieren. Zwar befindet sich die wissenschaftliche Weiterbildung seit jeher in einem Spannungsfeld, das durch die beiden Pole Aufklärung/Kritik versus Nutzen/Verwertbarkeit konstituiert wird. Aber dass sich die Praxis – mit Unterschieden zwischen den Ländern, Hochschultypen und Angeboten – in letzter Zeit mehr zum Pol Nützlichkeit hin bewegt, ist nicht zu übersehen.
Der wichtigste Indikator dafür ist die sich ausbreitende Überzeugung, dass wissenschaftliche Weiterbildung durch die Nachfrage zu steuern und zu finanzieren sei. Angesichts der Tendenz zur Ökonomisierung der wissenschaftlichen Weiterbildung ist es wenig überraschend, dass ausländische Bildungsanbieter auch auf den deutschsprachigen Markt drängen. Sie beziehen die Legitimation für ihr Tun u. a. aus dem GATS (General Agreement on Trade in Services), jenem „Allgemeinen Übereinkommen über den Handel mit Dienstleistungen“ der Welthandelsorganisation (WTO), wonach Bildung, auch wissenschaftliche Weiterbildung, (nichts weiter) als eine handelbare Ware ist.
Internationalisierung der Hochschulweiterbildung kann ebenso die Folge sein wie Arbeitsteilung und Konkurrenz unter öffentlichen und zwischen öffentlichen und privaten Anbietern auf den nationalen Märkten. Zum anderen ist es offensichtlich, dass der Bologna-Prozess nicht ohne Auswirkungen auf die wissenschaftliche Weiterbildung bleibt. Die abschlussbezogenen Formen der Weiterbildung werden Teil eines Gesamtangebotes, dass vom Bachelor über den Master, auch den Weiterbildungsmaster, bis zum Doktorat reicht. Dabei gewinnt insbesondere die Frage der Übergänge zwischen den Abschlüssen an Bedeutung. Für Programme, die nicht auf einen formalen Abschluss ausgerichtet sind, bieten sich neue Chancen der Verwertbarkeit durch Leistungspunkte und Modularisierung. Ergebnisse vorgängiger Lernprozesse, selbst durch informelles Lernen erworbene Kompetenzen können bewertet (recognition of prior learning) und in weiterführende Bildungswege einbezogen werden.
Ingesamt wird also die Handlungssituation, in der sich die Verantwortlichen der wissenschaftlichen Weiterbildung befinden, zunehmend komplexer. Es gilt auf Reformimpulse, die aus unterschiedlichen Kontexten stammen und einer unterschiedlichen Logik folgen, so zu reagieren, dass der Status der Weiterbildung im System nicht destabilisiert wird.
Die Jahrestagung bietet die einzigartige Möglichkeit, Einsichten, Ansätze und Erfahrungen in diesem Handlungsfeld auszutauschen und aus dem grenzüberschreitenden Gespräch einen Nutzen zu ziehen. Aus dem oben skizzierten Feld sind Beiträge erwünscht, die sich mindestens einem der folgenden Themenschwerpunkte zuordnen lassen und zugleich einen deutlichen Bezug zum Tagungsthema haben:
1. Wissenschaftliche Weiterbildung zwischen Angebot und Nachfrage
Ansätze, Rollen und Formen in der nachfrage- und angebotsorientierten Hochschulweiterbildung; Stellenwert der verschiedenen Wissensformen in der Weiterbildung; Programmvielfalt und Profiltreue; Bedarfe und Zielgruppen
2. Finanzierung und Organisation wissenschaftlicher Weiterbildung
Gesetzlicher Auftrag und An-Institutionen, Finanzierungsmodelle (Mischfinanzierung, Vollkostendeckung, Drittmittel), Vielfalt und Intransparenz versus „System“
3. Nachfragesteuerung wissenschaftlicher Weiterbildung
Auswirkungen der Finanzierung auf Profil, Qualität, Zugang sowie Standards und Ubiquität; Wirkung der Nachfragefinanzierung auf Nutzung hochschulinterner Ressourcen und Integration der Weiterbildung ins System; ergebnisbezogene Steuerung
4. Wissenschaftliche Weiterbildung als Ware
Inhalte; Konkurrenz und Kooperation; Europäisierung und Internationalisierung; Werbung, Marketing und Öffentlichkeitsarbeit; Umgang mit den Teilnehmenden
5. Bologna-Prozess und wissenschaftliche Weiterbildung
Wissenschaftliche Weiterbildung als Teil eines Gesamtsystems lebenslangen Lernens; nicht abschlussbezogene Angebote; Leistungspunkte, Akkreditierung und Qualitätssicherung; Modularisierung
6. Neben dem Hauptstrom …
PUSH (Public Understanding of Sciences and Humanities) und öffentliche Wissenschaft, didaktische und methodische Innovation, neue und alte Zielgruppen, Öffnung der Hochschulen. Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu einem der oben genannten Themen.
Gewünscht werden Referate im Umfang von max. 20 Minuten und/oder Posterpräsentationen, die innovative Ansätze, modellhafte Entwicklungen (auch im Planungsstadium) oder reflektierte Praxis widerspiegeln.
Anmeldeschluss ist der 31. März 2007.
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